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Ein Traum wird wahr

Freunde waren sie schon von frühester Jugend an und beide hatten sie dasselbe Berufsziel oder sollte man bei ihnen lieber von ihrer Berufung sprechen.
Aufgewachsen sind sie in einem bezaubernden kleinen Städtchen der Schwäbischen Alb, in einer sehr schönen aber rauen Gegend, wo die Zeit von der Schneeschmelze bis zum Frost bedeutend kürzer ist, als zum Beispiel im wesentlich wärmeren Unterland.
Schon ihre Eltern und Großeltern waren miteinander befreundet und wie es der Zufall wollte, wirkten sie beide in benachbarten Gemeinden, trafen sich öfters und bekannten sieh damit deutlich zur christlichen Ökumene.
Hermann, der katholische Pfarrer, betreute eine Gemeinde mit einer weltberühmten Klosterkirche und hatte dadurch viele seelsorgerische Aufgaben zu erfüllen.
Sein Freund Martin war evangelischer Seelsorger und hatte seine Pfarrei erst kürzlich angetreten und suchte noch um die Anerkennung seiner Gemeindemitglieder.
Beide hatten sie sehr viel zu tun, und ihre Tage waren von früh bis spät abends mit Arbeit ausgefüllt, weshalb sie sich immer weniger sahen. Wenn sie sich trafen dann im Nachbarstädtchen, um dem Gerede normaler Mittelstandsbürger auszuweichen und um ungestört miteinander zu plaudern.
Bei einem dieser Treffs, bei dem Martin seine junge Frau seinem Freund vorstellte, erzählte ihnen Hermann lachend seinen Traum über sie.
»Ich sah in eurem Hause einen großen abgedeckten Korb stehen, aus dem ein Zirpen und Fludern zu hören war als hätte der Leibhaftige seine Hände im Spiel. Und wie von Geisterhand lüftete sich der Deckel von selbst und es flogen acht muntere, freche, kleine Spatzen heraus. Gerade so unbekümmert wie es in der Bibel steht benahmen sie sich. Sie flogen in der Stube umher und ließen auf Vorhang, Lampe und Büchern überall ihre Andenken zurück. «
»Weiter träumte ich« erzählte er »ich sah euch beide dabei stehen und aus den frechen Spatzen waren plötzlich acht fröhliche, junge Mädchen geworden. «
Lachend und abwehrend erwiderten beide, das wäre wohl des Guten zuviel und so viele Omas hätten sie als Babysitter gar nicht und zudem wünschten sie sich nicht nur Mädchen.
Als dann nach Jahresfrist ein rosiges Mädchen in der Wiege lag, war die Freude riesiggroß und der Freund mit dem seltsamen Traum übernahm gerne die Patenschaft.
Es wurde ein großartiges Tauffest vorbereitet und viele Freunde und Verwandte wurden eingeladen. Schon Tage zuvor, solange die junge Mutter noch in der Klinik war, wurde im Pfarrhaus gesotten und gebacken und die Geschenke und Glückwünsche aus der Gemeinde flössen reichlich.
Den jungen Eltern in ihrem Glück waren alle Namen recht, aber am besten gefiel der jungen Mutter »Agathe«.
»Agathe« meinte der Pate schmunzelnd »ist der Beginn vom Alphabet und .zudem die Schutzheilige gegen Feuersgefahr. So seid ihr künftig gegen Brände gefeit. «
Als dann im nächsten Jahr die kleine Agathe die Wiege einem Schwesterchen freimachen musste, wurde die Taufe besinnlicher und ruhiger vorbereitet. Nur die engeren Freunde und Verwandten wurden geladen und die Paten waren natürlich dieselben wie bei Agathe. Barbara wurde der kleine Engel getauft.
»Nun seid ihr gegen Feuer und Beschuss gefeit« meinte lachend Hermann, »denn Barbara ist die Schutzheilige der Bergleute und der Artilleristen«. Und die Paten gingen übermütig schon für die Zukunft sämtliche Namen mit »C« durch.
Tatsächlich wollte man im Pfarrhaus beim »B« nicht stehen bleiben und hoffte sehnlichst auf einen Buben.
Aber es sollte wohl nicht sein, denn Barbara räumte die Wiege ihrem Schwesterchen Cornelia. »Eine Heilige hatte Cornelia nicht zum Vorbild« wie Hermann aufklärend meinte, sondern eine heidnische Römerin. Die Mutter von Tiberius und Gajus Gracchus hieß nämlich so. Sein Freund Martin meinte lachend: »Ein Cornelius wäre mir lieber gewesen und ich hoffe, dass dein Traum in Erfüllung geht. « »Hauptsache ist, dass sie alle gesund sind« lachte die Patin »und mit dieser kräftigen Stimme kann sie später Politikerin werden. «
Bei dem Töchterchen Daphne, dem bald Cornelia die Wiege freimachen musste, wurde der Pate mehrmals an die Taufe erinnert, bis er seine Zusage gab.
Scherzhaft sagte er bei seiner Zusage wie gut ihm das Zölibat seiner Kirche gefalle, denn nur dadurch könne er sich die vielfache Patenschaft überhaupt leisten. Dann erinnerte er sich wieder an seinen Traum und sagte lachend er müsse noch verdienstmäßig steigen, wenn er an die vielen Geburts- und Weihnachtsgeschenke vom A, B, C denke.
»Warum wollt ihr sie Daphne taufen« frug er sie »das war doch eine griechische Nymphe und die Geliebte von Apollo? Doris wäre doch auch passend gewesen und beginnt auch mit D. « Aber dem Vater vom Mädelhaus waren alle Namen recht, nur bei einem Buben wollte er alleine bestimmen aber daraus wurde wieder nichts. Mit Elisabeth zog nach zwei heidnischen Vorbildern wieder eine kleine Heilige in die Wiege ein.
Schwierigkeiten bereitete ihnen dieses Mal die Patin. Sie sandte Kartengrüße aus dem Urlaub und wünschte dem Kind alles Gute für die Zukunft. Eine schwäbische Patin legt nämlich nicht nur bei der Taufe einen silbernen Löffel in die Wiege, sondern hat auch an Ostern, Weihnachten und natürlich an den Geburtstagen den Geldbeutel offen.
Als nach einem Jahr wieder ein Täufling zur Kirche getragen wurde, war der Taufzug durchs A, B, C und Co. schon recht ansehnlich geworden und in der Gemeinde tuschelte man schon über den Kindersegen. Erst beim Einzug ins Gotteshaus bestimmte der Pate den Namen und nannte sie nach dem Heiligen Franziskus einfach Franziska.
In der Gemeinde wurden fürs kommende Jahr schon Wetten abgeschlossen, ob man eine Gabriele, Gertrud oder Gloria taufen würde. Zehn zu eins standen die Wetten gegenüber einem Gerd oder Gregor. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche zum Schluss kommt, wurde wieder ein Mädchen geboren und weil es besonders kräftig war, taufte man es Gertrud. «Die Kleine wurde nach der Großen benannt, einer Heiligen für Reisende und Gartenarbeiter« wie Hermann aufklärend sagte.
Das Tauffest der kleinen Hildegard blieb nun wirklich die letzte Taufe in der Familie, und die Patin war schon längst weit weggezogen, um dem sicheren Ruin zu entgehen, wie böse Zungen behaupteten. Beim Paten hießen die Spatzen nur das A, B, C und im Dorf wurden sie nur die Pfarrersmädel genannt, denn sie waren sich alle sehr ähnlich. Mit zunehmendem Alter füllten die Spatzen zuerst den Kindergarten und die Schule und später auch die Kirche, denn sie waren alle blitzsauber und mancher Jüngling ging nur wegen ihnen in die Kirche.



 
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