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Unser Dorf

Unser Dorf war in meiner Kindheit verträumt und gemächlich und es gab noch nicht einmal einen Arzt oder eine Apotheke.
Wovon hätten die auch leben sollen? Schlankmacher und Gesundheitspillen
brauchte man zu dieser Zeit noch nicht und normale Wehwehchen kurierte man mit Tee, Schnaps und anderen Hausmitteln.
Einmal in der Woche kam zu uns der Doktor aus der Stadt, meist im offenen Landauer und praktizierte im Nebenzimmer im Rößle.
Dort war er dann für alle und alles ansprechbar, behandelte schielende Augen, offene Wunden, gewaltige Kröpfe, Zahnausfall und innere Krankheiten.
Er war noch ein richtiger Landarzt und erteilte allerlei Ratschläge, auch für Stallkrankheiten und Lebensregeln.
An solchen Behandlungstagen ging es immer hoch her im Rößle, denn die Warterei wurde am Biertisch mit Neuigkeiten und Kartenspiel vertrieben.
Man sprach offen über seine Krankheiten, gab sieh gegenseitig Ratschlage und tauschte Rezepte aus. Jeweils am Morgen nach Familienfesten, wie Hochzeiten und Beerdigungen, kam der Doktor zusätzlich und behandelte Blessuren von Rauf handeln und die Streithähne vom Vorabend saßen dann friedlich, aber manchmal leicht angeschlagen, nebeneinander.
Ja es war noch sehr idyllisch zur damaligen Zeit. In den offenen Gehöften standen Wagen, Bottiche, Leitern, lagen Gerätschaften und dösende Hunde, strichen Katzen um her, scharrten Hühner auf dem Misthaufen.
An der Größe der Dunglegen, den Sparstrümpfen der Bauern konnte man den Reichtum ihrer Höfe erkennen, und meist reichten sie weit in die Dorfstraße hinein und hinterließen dort ihre Duftspuren. Inmitten der bekleckerten, holprigen Dorfstraße schlurfte der Ignaz, unser Dorfbüttel, mit der schief sitzenden Dienstmütze auf dem Kopf und der Schelle unterm Arm.
Alle fünfzig Schritte schwang er seine Bimmel und leierte die Neuigkeiten vom Rathaus herunter und seiner monotonen Stimme war zu entnehmen, wann die Brennholzversteigerung im Ochsen ist, und dass es beim Eierle frische Heringe gibt.
Der Eierle hieß natürlich anders, Eierle war der Hausname, denn schon sein Vater
handelte mit Eiern, hatte eine Mosterei und Holzsäge und war zudem Haarschneider.
Erst nach wiederholtem Aufruf vom Ignaz waren die letzten Fenster und Türen offen, und Bäuerinnen und stramme Mägde lehnten daran und wollten vom Ignaz nochmals hören was es Neues gibt.
Er schniefte darauf verächtlich durch die Nase, denn für eine Wiederholung wollte er einen Schnaps und wenn er diesen hatte, leierte er nochmals den Text herunter.
Durch die vielen Wiederholungen und Schnäpse konnte es sein, dass er die Neuigkeiten nicht durchs ganze Dorf brachte, weil ihm einfach die Beine nicht mehr gehorchten.
Dann wurde er in einen warmen Stall gebettet, wo er seinen Rausch ausschlafen konnte. Einmal packten ihn junge Burschen auf einen Schubkarren und fuhren ihn laut bimmelnd, zur Gaudi aller Kinder, die lachend mitliefen, nach Hause.
Schön war das Dorfleben für uns Kinder. Unsere Tauben schwirrten über die alten Giebeldächer, das Brummen der Kühe war aus den Ställen zu hören und die Enten
brabbelten an den Pfützen der Straße. Vor den Häusern, auf den Bänken, trocknete das Milchgeschirr und war oftmals Zielscheibe für unsere Steinschleudern aber nur, wenn aus den Wagenschuppen Klopfen und Hämmern unsere Streiche übertönten.
Hektisch war es nur in der Erntezeit und wenn dann das Wetter umschlug rannte alles was laufen konnte, damit das Getreide und Heu trocken heimkam. Dann hörte man schwere Wagen rasseln, Peitschen knallen und Bauern fluchen, wenn die Ochsen und Kühe nicht schnell genug liefen und dadurch den schnelleren Pferdegespannen den Weg versperrten.
In meinem Aufwachsen hatte sich bis zum Krieg in unserem Dorf wenig verändert. Die Häuser und Gehöfte wurden von Generation zu Generation weitervererbt und bekamen alle paar Jahre einen frischen Anstrich. Die einzige Modernisierung zu der Zeit war das Umsetzen der Schweineställe von der Straße hinter die Häuser in den Hof, wo sie sicherer waren und man nicht genau registrieren konnte, wie viel Schweine man hatte. Denn in dieser schlimmen Kriegszeit wurde manches Schwein heimlich geschlachtet und diente als Tauschmittel.
Zur Mode wurden plötzlich hölzerne Treppengeländer, nachdem der Kirchenbauer sein Geländerseil durch diese stabile Neuerung ersetzt hatte und er am Stammtisch prahlte, dass er jetzt mit zwei weiteren Schoppen sicherer die Treppe hochkam als früher.
Unsere heimischen Handwerker waren in ihren Berufen alle recht geschickt und häufig hatte sich das Gelernte über Generationen weitervererbt.
Es gab allerdings auch einige Originale darunter, wie unser Dorfschneider Paul. Er saß tagaus, tagein im Schneidersitz auf seinem breiten Fensterbrett und konnte von dort das Dorfgeschehen durchs Fenster beobachten.
War es Schlamperei oder hatte der Paul zu oft auf die Straße oder in den Mostkrug geguckt, denn als der Hugo seine neue Hose probierte, war das Hosentürle hinten.
Vom Paul bekam er über diesen Mangel zu hören: isch se wie se isch, kosta tuet se nix.
Zu welchen Anlässen der Hugo die Hose getragen hat ist nicht überliefert, aber seine Anna meinte einmal, im Winter trägt man ja immer einen Mantel darüber.
Auch vom Gustav, ein lustiger Kerl, der auf allen Hochzeiten tanzte und beim Speiskübele, unserem Dorfmaurer, für Reparaturen zuständig war, erzählte man sich manche Episode.
Mal wurde eine Hausstaffel ausgebessert oder neu gesetzt, ein Abortrohr erneuert oder eine Wand ausgebrochen. Der Gustav zog mit seiner Gerätschaft und dem Handkarren durchs Dorf und schon damals hörte man ihn weise sagen: fünf Mark sind schnell verbaut.
Als er beim Rößleswirt ein neues Fenster einmauern und verputzen sollte, welches der Glaser tags zuvor frisch gesetzt hatte, und nebenan das alte Fenster ausbrechen und zumauern sollte hörte man ihn kräftig hämmern und klopfen.
Mehrmals hatte er sieh mit schlurfenden Schritten einen Krug Most geholt, denn den bekamen die Handwerker immer gratis bei ihrer Arbeit. Als er sich endlich am Feierabend mit dem neuen Fenster unterm Arm beim August meldete, war der Rößlesmetzger einem Schlaganfall nahe.
Am nächsten läge musste der Gustav seine Arbeit vom Vortag reparieren, allerdings diesmal ohne Most, denn den bekam er dieses Mal erst am Feierabend.
Ein lustiger Geselle war auch der krumme Schuster, seines Zeichens noch Fahnenträger beim Gesangverein und er hörte auf den Spitznamen Brägele.
Er hatte von der gebeugten Arbeit am Leisten eine gekrümmte Wirbelsäule und über
diesen Buckel schon viel Spott über sich ergehen lassen müssen. Seine Lieblingsspeise waren Bratkartoffeln »Brägela« wie er sie nannte und diese konnte er überall und zu jeder Zeit essen, am liebsten schon zum Frühstück.
Als er einmal bei einer Vereinsfeier für seine Fahnenträgerschaft gratis essen durfte, schaufelte er solch gewaltige Mengen Brägela in sich hinein, dass er zum Schluss stöhnte »wenn nur der Buckel auch Bauch wäre«.
Ein stets grantiger Feierabendbauer war der Schnupfer Kaitan, auch hü, hü genannt, der selbst noch in der Kirche schnupfte. Wenn der mit seinem klapprigen Kuhgespann durchs Dorf fuhr, saß er wie ein Rossbauer stolz auf dem Wagen, knallte mit der Peitsche und rief ständig »hü, hü«.
Grantig schaute er dabei um sich und obwohl er sehr schnell zornig sein konnte, wenn seine Kühe nicht folgten, geschlagen hat er sie nie. Wenn er einmal richtig wütend war, biss er seine Leitkuh vor Wut ins Horn.
Damit auch in der Kirche alles seine Ordnung hat, muss ein Ordner her. »Jawohl ein Ordner« wiederholte der Wilhelm lautstark und haute dabei kräftig auf den Tisch, um diesen Vorschlag nochmals zu unterstreichen und nahm danach einen tiefen Schluck aus seinem Krug. Dem Gemurmel der anderen Bäte war zu
entnehmen, dass sie seine Meinung teilten und selbst der Veitsbäck murmelte im Schlaf sein jawohl und schnarchte ruhig weiter.
So wurden bei uns früher öfters die Ratsbeschlüsse gefasst und nach jeder Meinungsbildung brachte der Wirt eine neue Runde und wenn der Pfarrer nicht anwesend war, wurde dazu auch noch kräftig gequalmt. Er konnte nämlich den beißenden Qualm ihrer Pfeifen nicht ertragen und bekam immer rote Augen davon, wie er sagte. Wir Jungen meinten damals aber sie kämen vom vielen selbst angesetzten Schnaps. Die Ordnung, die unsere Dorfheiligen beschlossen hatten, war eine neue Gottesdienstordnung, mit einem Aufpasser für die Kinder. Denn uns dauerten die Gottesdienste viel zu lange und deshalb waren wir selten andächtig und ruhig.
Damit der Ruhe in der Kirche wenn nötig mit einem drohenden Klaps nachgeholfen wurde, brauchte man den Ordner.
Es kam dafür nur der kurzsichtige Herbert in Frage, denn er war schon immer, auch im Kriege, parteilos geblieben und ging brav in die Kirche. Je mehr sie sich mit seiner Person und dem Amt beschäftigten, umso hitziger wurden die Debatten. Am liebsten hätten sie ihn auch noch in eine Uniform gesteckt.
»Einen Frack muss er aber tragen« war die einstimmige Meinung »and wenn er schon ohne Kopfbedeckung dieses Amt in der Kirche ausübt, soll er sich wenigsten einen respektablen Bart wachsen lassen« murmelte der Veit schlaftrunken.
Seinen Amtsplatz musste der Herbert gleich hinter uns, der Bubenbank, einnehmen, weil er von dort auch die Mädchen sehen konnte, die oft schwatzten und kicherten.
Aber dem Herbert fehlte der Überblick und es wurde nicht ruhiger in der Kirche, denn er war viel kleiner als wir älteren Buben. Deshalb bekam er einen Aufsatz in der Bank. Auf diesem kirchlichen Hochsitz konnten ihn dann alle Gläubigen während der Predigt selig schlummern sehen.
Weil er wieder einmal gar so fest schlief und nicht seines Amtes waltete, wurde unser Treiben dem Hugo zu bunt. Nach wenigen Schritten stand er mit funkelnden Augen neben mir und hob drohend die Hand. Geistesgegenwärtig wich ich dem Schlag geschickt aus, der dafür den Herbert voll am Kopf traf, worauf er noch schlaftrunken »Amen« sagte.
Ich bekam meine Strafpredigt später daheim und an diesem Tag nichts zu essen, denn Strafe muss sein und das war in Ordnung so.



 
© 2011 Peter Grupp |