Der Blutspender
Blut spenden ist eine lebensnotwendige Hilfe am Nächsten, die man schon
morgen selbst in Anspruch nehmen muss. So ging es mir durch den Kopf, als ich
den Aufruf zur Brüderlichkeit beim Frühstück in der Zeitung las: Meine Frau und
ich sind keine religiösen Eiferer und befolgen die natürlichen Gebote der Kirche
aus Selbstverständnis. Es war aber auch kein Wunder, dass dieser Aufruf zur
Hilfsbereitschaft in meinem Innern Saiten zum Schwingen brachte, denn es war
Jahreswende und da klingen sie besonders laut. Mit gewinnendem Lächeln wandte
ich mich an meine hebe Frau: »Ich habe eine großartige Idee. Da wir aus Liebe
und Zusammengehörigkeit alle großen Taten gemeinsam vollbringen, gehen wir bei
nächster Gelegenheit im neuen Jahr Blut spenden. « »Es ist sicherlich eine
hilfreiche Absicht von dir« waren ihre Einwände »aber wäre es nicht besser und
hilfreicher Geld zu spenden, zumal dein Cholesterinspiegel nach den Festtagen
sicher sehr hoch ist? « Natürlich hatte meine Frau wieder einmal recht,
gleichzeitig vermutete ich aber eine gewisse Ängstlichkeit hinter ihrer Abwehr.
Darum beugte ich mich erstmals ihrer Logik nicht, sondern beharrte auf meinen
guten Vorsätzen im neuen Jahr. Wir, das heißt ich, beschloss am nächsten Tage
nach der Büroarbeit Blut zu spenden. Gemeinsam fuhren wir zur Schule, wo
neben mächtigen Plakaten zum Spendenaufruf eine Zentrale vom Roten-Kreuz
eingerichtet war. Sehr viele Menschen waren dem Aufruf gefolgt und Sanitäter,
Ärzte und Schwestern eilten eifrig durch die Gänge. Etwas bleich und
verdattert, manche auch ängstlich wie meine Frau, schauten die Menschen dem
regsamen Treiben zu. Betont forsch gab ich mich dagegen, denn ich hatte in
früher Jugendzeit schon einmal gespendet und meinen vergilbten, fast
unleserlichen Spenderpass hielt ich stolz vor mich hin. Trotzdem musste ich,
wie meine liebe Frau auch, einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. »Da
steckt doch was dahinter« fragte ich leicht blinzelnd meine Frau, denn ich hatte
mal wieder meine Brille vergessen. »Was steht denn hier? « »Ob du noch
alle Zähne hast und wie regelmäßig dein Stuhlgang ist« erwiderte sie
leise. Danach mussten wir zur ärztlichen Untersuchung und ich war verblüfft,
dass mein Doktor eine Frau war. Nicht besonders attraktiv und ohne mich richtig
anzublicken stellte sie mir ständig unangenehme Fragen. »Wir haben sehr
strenge Vorschriften« meinte sie schließlich und sah mich zum ersten Mal richtig
an. »Ihr Blutdruck und ihre Herztätigkeit sind ausgezeichnet, auch ihre
körperliche Verfassung aber als Erst Spender sind sie leider schon zu alt.
« Zuerst glaubte ich an einen Witz, mich als Erstspender einzustufen, wo ich
doch schon einmal der Menschheit einen Dienst erwiesen hatte. Entsprechend war
auch mein Protest, aber was half es. Sie wechselte mit einem ihrer Kollegen
ein paar Blicke und murmelte etwas Unverständliches und danach war ich von der
Spenderliste endgültig gestrichen. »Welche Ironie des Schicksals« sagte ich
völlig zerknirscht »jetzt wo ich viele gute Vorsätze beschlossen habe.
Enthaltsamer zu leben, Sport zu treiben, früh schlafen zu gehen, wie stehe ich
denn jetzt vor meiner Frau da? Die vermutet doch gleich das Schlimmste, die
überhäuft mich doch mit bohrenden Fragen! « Nach längerem Schweigen meinte
sie nur achselzuckend, sie hätte strenge Vorschriften. Ich beschloss charmant
vorzugehen: »Hör zu liebes Mädchen« sagte ich und schlug mit der Faust auf
meinen Brustkorb. »Hier steht ein 58 Jahre gepflegtes Muskelpaket vor Ihnen, fit
wie Samson und zu jeder Tat bereit« aber sie hörte mir gar nicht mehr zu und
frug schon den Nächsten. Nun konnte ich mir sehr lange Zeit lassen, denn
meine Frau kam nach der Spende noch in den Ruheraum. Und weil jeder Spender
nachher ein Essen bekam und ich mich zu ihnen gesellte, stellten sie auch mir
automatisch das Essen hin. Vergessen waren im Groll alle guten Vorsätze vom
Jahresbeginn und weil es meiner Frau danach nicht besonders gut ging, die
Aufregung hatte sie stark mitgenommen, vollbrachte ich noch eine gute Tat und
opferte mich und verzehrte auch noch ihr Essen.
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