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Die Erbtante

»Hand aufs Herz«, sprach Josef nachdenklich und mit fast weinerlicher Stimme beim Dämmerschoppen, »Wenn ich an die Zukunft denke und dabei erkennen muss, dass nichts ewig währt, werde ich richtig melancholisch. Wenn ich dann daran denke, dass alles einmal in andere Hände kommt was ich aufgebaut und geschaffen habe, könnte ich weinen. « »Plagt dich dann dein schlechtes Gewissen, weil du im Leben immer nur gerafft hast und nie genug bekommen konntest« frag schalkhaft sein Freund Xaver. »Ich habe Kinder« meinte er noch »da weiß man, dass es die Eigenen bekommen und viel ist es ja sowieso nicht.
Aber bei meiner Tante aus Neckarsulm, eigentlich war sie meine Großtante, da war es wie bei dir, denn auch sie hatte keine direkten Nachkommen.
Geizig war sie und von ihr bekamen wir nie etwas geschenkt, sondern hörten immer nur, wenn ich einmal nicht mehr bin, dann werdet ihr alles von mir erben. Darum strengt euch nur an und helft mir fleißig, schloss sie dann immer viel versprechend, wenn wir bei ihr waren. Wir jüngeren waren ihren Versprechungen gegenüber immer etwas skeptisch, denn wer schon zu Lebzeiten nichts verschenkt, konnte man dem trauen, dachten wir oftmals.
Aber meinen Vetter Max, den müsstest du eigentlich kennen, den kleinen, fülligen Viehhändler vom Tale, der gab die Hoffnung nie auf. Wenn wir zusammen saßen schwärmte er immer nur von ihrem Geld und meinte immer viel versprechend: erben ist der leichteste Gelderwerb. «
»Und habt ihr geerbt? « war von Josef zu hören, der auf einmal sehr neugierig zuhörte.
Ohne darauf zu antworten sprach der Xaver vor sich hin.
»Auch mein Großvater glaubte an seine Schwester und begann an langen Abenden immer wieder von ihrem Weingut zu schwärmen, und je mehr er dabei trank, umso schöner und größer wurden die Weinberge.
Dabei vergaß er, dass wir sie schon von frühester Jugend an kannten und unsere Ferien dort immer bei der harten Weinlese verbringen mussten.
Und die Tante, knochig und dürr, mit fahlem Gesicht, kontrollierte uns immer, gab ständig Anweisungen und hätte uns am liebsten bis spät in die Nacht arbeiten lassen.
Sonntags, wenn wir endlich einmal ausschlafen konnten, mussten wir früh in den Stall und später zur Kirche. Dabei gab sie mir immer den Bat, für sie fleißig zu beten und die fünfzig Pfennig zu opfern, die ich von ihr bekam. In den Klingelbeutel habe ich aber immer nur Steinchen geworfen, damit das Opfer echt
wirkte.
Nachdem wir dann im Studium waren, mein Bruder und ich, haben wir den Kontakt zu ihr immer mehr verloren, und später bin ich dann bei ihr völlig in Ungnade gefallen. « »Wieso das?«
»Absolut schuldlos, wie ich heute meine. Ich hatte für ihr Haus zur Renovierung einen Kostenvoranschlag gemacht. Die Renovierung wurde aber viel teurer, weil sie erst einige Jahre später die Arbeiten hatte machen lassen. «
»Und hast du nun geerbt oder nicht? « wollte Josef wissen.
»Hoffnung hatte ich mir keine gemacht und trotzdem wollte ich ihr das letzte Geleit geben als es soweit war.
Aber du kennst ja Beerdigungen, ich gehe nur ungern hin, denn nirgends wird soviel geheuchelt und übertrieben wie dort.
Mein Gesichtsausdruck muss der Tante an ihrer Beerdigung überhaupt nicht gefallen
haben, denn für mich steht heute fest, dass sie hinter einer Wolke uns heimlich beobachtete.
Als dann der Pfarrer sie in den höchsten Tönen lobte und ihre Sanftmut und ihr gütiges Herz pries stand für mich fest, dass alles die Kirche erbt. «
»Also habt ihr nichts geerbt, « meint Josef fragend.
»Warte ab. Als Max und ich, ihre nächsten Verwandten, bei prasselndem Eisregen hinter ihrem Sarg zum Grabe schritten, stand für mich absolut fest, dass sie dabei wieder ihre Hände im Spiel hatte. Denn ein solches Sauwetter hatte es nämlich seit Menschengedenken um diese Zeit im Unterland nicht mehr gegeben.
Am Grabe merkten wir beide, dass uns bei diesem Schauerwetter niemand gefolgt war, und ich musste dabei über das verdutzte Gesicht vom Max lächeln, der zudem einen Schneekranz wie einen Heiligenschein auf seiner Halbglatze trug. Auf der freien Platte war nämlich der Schnee sofort geschmolzen, nicht aber auf dem Haarkranz.
Nach dem letzten Gebet am Grab gab uns der Pfarrer zu verstehen, dass uns der Notar später noch im Cafe nebenan sprechen wolle. Jetzt war mein Onkel zuversichtlich und fest überzeugt, dass wir erben würden und strebte schnellstens dem Cafe zu.
Lange mussten wir dort auf den Notar warten und die Stimmung stieg ständig und
die Nachrufe und Reden wurden lauter und lustiger. Es waren viele Leute die mit uns warteten, denn die Tante war in ihrer Jugend verheiratet gewesen und von dieser Sippe waren sehr viele gekommen, die auch erben wollten.
Max sprach sofort von einer Erbanfechtung als er mitbekam, dass auch sie auf den Notar warteten.
Alle hatten einen gierigen Erbausdruck in ihren Augen und redeten wild durcheinander und spekulierten in den höchsten Erwartungen. Nur ich hegte keine Hoffnungen aufs Erbe und wandte mich an die mürrische Bedienung mit der frage nach einer gemeinsamen Rechnung. Denn mit dieser frage wollte ich wissen, ob die Rechnung als Leichenschmaus vom Erbe bezahlt wird.
Laut und vernehmlich meinte die Bedienung lakonisch, es wird getrennt gerechnet.
Sofort wurden die Bestellungen genügsamer und einige annullierten sogar das bestellte Essen, wie auch Max, der jetzt keinen Hunger mehr hatte.
Ich aber langte kräftig zu, denn aus ihrer mürrischen Antwort meinte ich die Worte der Tante zu hören.
Erst viel später, nachdem sich die Stimmung schon merklich beruhigt hatte und die Sippenzweige erforscht waren, wurde für 15.00 Uhr die Testamentseröffnung angekündigt.
Übereifrige, Onkel Max gehörte auch dazu, wollten sofort zum Amtsgericht aufbrechen, obwohl es noch eine Stunde bis zur Eröffnung dauern würde.
Eine Überraschung erlebten wir alle beim Zahlen, es war nämlich verfügt, dass zwar getrennt gerechnet wurde, alle Kosten aber vom Erbe bezahlt wurden.
Nach dieser Bekanntmachung mussten jedoch noch schnell bestellte Getränke, das große Bier von Max gehörte auch dazu, wieder selbst bezahlt werden, so hatte es die Tante geschrieben.
Über diesen ersten Streich meiner Tante konnte nur ich herzlich lachen aber es sollte noch besser werden.
Pünktlich saßen wir erwartungsvoll im großen Saal und hörten vom Notar eine kurze Schilderung über das Leben der Tante, bevor er das umfangreiche Testament eröffnete.
Ihr letzter Wille begann mit einer deutlichen Mahnung an uns, über unsere angebliche Verschwendungssucht und dann wurde sie namentlich und sehr deutlich.
Auch Onkel Max und einige andere wurden namentlich genannt und vom Erbe ausgeschlossen, da sie sich bei ihr früher Geld geborgt hatten und dann nicht mehr erschienen waren. Max protestierte laut und fluchte, denn er hätte sich nur Geld borgen wollen und gar keines bekommen.
Der Notar musste mehrmals die Glocke schwingen, um sich wieder Gehör zu verschaffen.
Danach wurden noch weitere enterbt, die alle lauthals fluchend den Saal verließen.
Einer hatte sich Geld fürs Motorrad geliehen und war nie mehr aufgetaucht, und eine ganze Familie hatte heimlich im Weinberg geerntet. Selbst Vetter Paul, ein sehr frommer Mann, wurde vom Erbe ausgeschlossen, da er ihr ein sehr teures Grundstück viel zu billig abkaufen wollte und sie diesen Versuch schon als Strafe wertete.
Namentlich wurden diejenigen vom Erbe ausgeschlossen, die über die deutsche Grenze gezogen sind, worauf einer aus Österreich wieder zu Deutsehland gehören wollte.
Nachdem nur noch wenige im Saal übrig waren, ich gehörte zu meiner Überraschung noch dazu, wurde ihr letzter Wille verlesen.
Sämtliche Grundstücke bekamen verschiedene Kirchen und das Haus und der ganze Hof sollten versteigert werden.
Ein gewisser Betrag davon war für die Mission bestimmt und danach hieß es wörtlich: sollte danach noch ein Restbetrag übrig bleiben, was sie nicht unbedingt wolle, dann sei dieser zu gleichen Teilen aber nur an die männlichen Nachkommen auszuzahlen.
In dem lauten, weiblichen Gezeter gingen alle weiteren Worte vom Notar unter. «
»Und wie viel hast du dann wirklich geerbt«
wollte Josef neugierig wissen.
»Ach was, nicht der Rede wert« lachte Xaver, »du kanntest meine Tante nicht. «


 
© 2010 Peter Grupp |