Die Faschingspredigt
Lange schon konnte der Pfarrer nicht mehr schlafen, verstört und
schweißgebadet war er aus seinem Schlaf aufgeschreckt und seither starrte er
verwirrt zur Decke und grübelte. Seine Gedanken kreisten ständig um den
vergangenen Abend und um die Sitzung mit dem Kirchengemeinderat. War es
Wirklichkeit oder war es nur ein Traum? Hatten sie tatsächlich an seiner
letzten Predigt solchen Anstoß genommen und ihm deswegen gestern Abend die
bittersten Vorwürfe gemacht? Oder hatte er dies alles nur geträumt? Gewiss,
seine Sonntagspredigt war herzhaft gewesen und mit markigen Beispielen
gespickt. Noch jetzt musste er darüber schmunzeln, wenn er daran dachte, was
er alles gesagt hatte. Aber hatten sie ihm wirklich Vorwürfe
gemacht? Hatten sie ihm vorgeworfen er zerstöre ihren Hausfrieden indem er
ihre Frauen aufhetze? Er sei ein Nestbeschmutzer indem er ihre Gemeinde im
ganzen Kreis lächerlich mache? Bei diesem Gedanken kamen ihm am Traum gewisse
Zweifel, und er musste unwillkürlich lächeln. »Nestbeschmutzer« wohl eher
Dorfbeschmutzer, denn in einem Nest wollten seine Schäflein schon lange nicht
mehr wohnen. Na ja, es war schon möglich, denn mit seiner Predigt hatte er
die Nerven seiner Gemeinde stark strapaziert. Trotzdem fühlte er sich
schuldlos, denn in der Faschingszeit trieben sie es gar zu toll und je voller
die Ballsäle umso leerer war die Kirche. Mit gewinnendem Lächeln hatte er
sich nach der Prunksitzung am Sonntagmorgen von der Kanzel an die Kinder gewandt
und ihnen ein Büschel Grünzeug gezeigt. Auf seine Frage an die Kinder, was er in
der Hand hält, hatten sie ihm richtig, mit Brennnesseln, geantwortet. Und er
hatte darauf gesagt: »Genau und aus diesem Material werden einst in der Hölle
die Unterhosen eurer Väter sein. « Nach peinlichem Schweigen, nur einige
Mädchen hatten gekichert, hatte er sich an die Frauen gewandt und ihnen
zugerufen. »Eure Männer sind verderbt und wie Schwefelhölzer, die überall
selbstzündend Feuer fangen. Gute Ehemänner aber sind wie Streichhölzer, die sieh
nur an der eigene Schachteln entzünden. « Großer Gott und die Haare standen
ihm zu Berge, hatte er das wirklich gesagt! Viel mehr noch; rechthaberisch
und unbelehrbar hatte er die Frauen genannt und die alte Res zitiert. Die immer
alles besser wusste und bis zu ihrem Ende abstritt, dass es Knollenblätterpilze
gewesen sind, die sie gegessen hatte. Richtig in Wut hatte er sich gepredigt
und den jüngeren Frauen zugerufen: »Kein Wunder, dass eure Kinder immer
puppenhafter zur Welt kommen, sie werden ja schon wenige Monate nach der
Hochzeit geboren. « »Euer Lebenswandel ist ungezügelt, ihr treibt im höchsten
Grade Missbrauch mit dem Alkohol«, hatte er den Männern zugerufen. »Gepriesen
sei die wahre Freude, sie ist wie ein Rausch. Für euch aber ist der Rausch eine
Freude. « Allmächtiger, dieses und vieles mehr hatte er in voller Überzeugung
von der Kanzel gedonnert. Ganz übel wurde ihm da er jetzt glaubte, dass sie
sich doch höheren Ortes beschweren wollten. Aber sollte er sie vielleicht
noch loben und ihnen die Ewigkeit versprechen bei ihrem ausschweifenden
Lebenswandel. Nein niemals, ein Hirte der sich seiner Herde beugt wird
niemals wieder ihr Führer sein können. Und mit einem tiefen Seufzer der
Genugtuung, doch richtig gehandelt zu haben, drehte er sich zur Seite und
versuchte zu schlafen, denn eine wohlige Müdigkeit war plötzlich über ihn
gekommen.
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