Die gastlichen Pfarrhäuser
Wo könnten diese Pfarrhäuser anders anzutreffen sein als auf der
Schwäbischen Alb. In dem rauen Teil der Alb, wo die Menschen naturverbunden sind
und in sich gekehrt, wo noch Schäfer mit ihren Herden über Wacholderheiden
ziehen. Wenn ich über jene Pfarrhäuser schreibe, dann nicht aus übertriebener
Ehrfurcht, sondern so natürlich wie ich sie häufig angetroffen habe. Mal mit
Nebel überschattet, mal mit Sonne überstrahlt aber überwiegend herzlich, wenn
auch etwas zurückhaltend. Schon rein äußerlich kann man an den Häusern erkennen,
ob es sich um katholische oder evangelische Pfarreien handelt. Die evangelischen
Häuser sind voller Leben und Kinderlachen und oft für die Familie zu klein, weil
häufig der Pastor von einem oder beiden Elternteilen begleitet wird. Im
katholischen Haus ist es mäuschenstill und die Haushälterinnen gehen auf
Zehenspitzen, um den geistlichen Herrn ja nicht bei der Arbeit zu stören. Oft
wohnt der Pfarrer alleine mit seiner Cousine, Schwester oder Tante im Haus, die
ihm den Haushalt führt, ledig und meistens sehr resolut ist. Eines haben die
Pfarrhaushälterinnen alle gemeinsam, sie sind tugendsam und fleißig und es käme
einem Wunder gleich, wenn etwas ohne ihr Wissen in der Pfarrei passieren
würde. Ihre Arbeitstage sind sehr lange, denn zu ihren Aufgaben gehören neben
der Haushaltsführung die Gartenarbeit, die Hühnerhaltung und der tägliche
Kirchgang. Auch in der Kirche sind sie tätig, nämlich beim Anstimmen von Liedern
und Gebeten. In den ersten Jahren ihrer Dienstzeit üben sie Zurückhaltung und
sind sehr zuvorkommend. Wenn sie vom Haushalt sprechen, dann von Pfarrers
Hühnern und vom hochwürdigen Garten. Aber schon nach sehr kurzer Zeit sprechen
Sie von unseren Hühnern und etwas später nur noch von ihrem Garten und ihren
Hühnern. Am Anfang ihrer Arbeit klopfen sie am Morgen leise an die
Schlafzimmertür und rufen freundlich: »Guten Morgen Herr Pfarrer, es ist sechs
Uhr und es wird Zeit für Sie aufzustehen. « Nach einiger Zeit lässt diese
Förmlichkeit merklich nach und beim Klopfen rufen sie nur noch: »sechs Uhr ist
es« und nach weiteren zwei Jahren wird nur noch geklopft und wenn der Herr sich
dann nicht rührt ruft sie »raus«. Welcher Konfession die beiden
Pfarrhaushälterinnen angehören, erkennt man sofort an ihrer Aussprache. Die
katholische Haushälterin spricht mit gespitztem Mund von der Seele und vom
ewigen Leben. Die Pfarrersfrau dagegen etwas breiter von der Sääle und vom
Läben. In beiden Pfarrhäusern ist aber der Pfarrer ausschließlich Seelenhirte,
wenn auch die Zeit längstens vorbei ist, da ihre Befugnisse über denen des
Schultheißen lagen. Trotzdem sind sie aber immer noch etwas Besonderes und
eine Respektsperson, zu der sie die Vermutung, zur direkten Verbindung zum
Himmel macht. Aber auch auf der Alb ist die Zeit vorbei, wo ältere Frauen beim
Altentreff dem Herrn Pfarrer voller Ehrfurcht mit halleluja zuprosten. Der
Alltag in einem katholischen Pfarrhaus verläuft still und ruhig, ist dem Studium
von Schriften und Predigten vorbehalten und der Vorbereitung auf das Leben nach
dem Tod. Damit die heilige Stille erhalten bleibt, sorgen die Ursels,
Marieles oder wie sie sonst heißen mögen, aufmerksam und unerbittlich wie ein
Zerberus. Gleich beim Offnen der Haustür stellen sie sich breit in die
Öffnung und grüßen barsch: »Was gibt's? « Erst wenn sie von der Wichtigkeit des
Besuchers überzeugt sind, geben sie die Tür frei und bitten den Gast
hereinzukommen. Anders ist es in einem evangelischen Haus. Die Haustür wird
einladend geöffnet und der Gast von jedem Familienmitglied in die Stube
gebeten. Im katholischen Haus wird dem Gast erst nach längerem Verbleib etwas
angeboten und darum muss der Pfarrer seine Ursel erst sehr bestimmt bitten, bis
sie sich bequemt, etwas aus der Küche zu holen. Bei meinem Besuch musste die
Ursel mehrmals aufgefordert wer den, den frisch gebackenen Apfelkrapfen zu
holen. Widerwillig stellte sie zuerst ein Krüglein Most auf den Tisch, und mit
den Gläsern brachte sie auch einen großen Glaskrug Wasser. Sie konnte es dabei
nicht unterlassen darauf hinzuweisen, dass der Most alleine viel zu stark sei.
Den herrlich duftenden Krapfen durfte ich nur sehen, denn sie trug ihn gleich
wieder weg mit den Worten, dass er noch viel zu frisch zum Anschneiden
sei. Allgemein ist bekannt, dass der Appetit in Pfarrhäusern besonders groß
ist, und auch ich hätte gerne den goldgelben Gugelhupf gekostet, wenn die Ursel
ein Messer dazu gebracht hätte. Erst als ich gehen wollte hörte sie auf des
Pfarrers Ruf und brachte anstelle des Messers meinen Mantel. Seither habe ich
bei Pfarrbesuchen immer mein Taschenmesser dabei und habe schon manchen guten
Kuchen - gegen den Willen der Köchin - angeschnitten. In den evangelischen
Pfarrhäusern wird bürgerlich gekocht und gebacken und jeder Gast ist gerne an
der kinderreichen Tafel willkommen. Wie wertvoll die Prüfung auf
Gastfreundschaft durch die Haushälterinnen ist, zeigt nachfolgende
Begebenheit: Sie war einige Tage verreist und dadurch musste der Pfarrer die
Tür selbst öffnen. Groß war seine Überraschung als ein fremder ihn mit einem
Kranz in der Hand freundlich grüßte und gleich in die Halle drängte. Zuerst
dachte der Pfarrer erschreckt, er hätte eine Beerdigung vergessen, und er atmete
befreit auf, als der Besucher sein Anliegen vorbrachte. Der Bauer Häfele sei er,
aus Weiler und auf dem Wege zur Beerdigung seines Bruders ins Unterland. Erst
auf dem Wege zur Bahn habe er viel zu spät bemerkt, dass er kein Geld
eingesteckt habe. Wenn er nun zurückgeht verpasst er den Zug und ohne Geld
bekommt er keine Fahrkarte. Sofort morgen nach seiner Rückkehr würde er das Geld
vorbeibringen und schließlich sei er in Weiler kirchlich bekannt. Persönlich
kannte der Pfarrer den Bauern Häfele nicht aber vom Talhofer aus Weiler hatte er
schon gehört, und Zweifel hegte er keine. Also gab er ihm die dreihundert Mark.
Zweifel kamen ihm erst, als Kinder klingelten und den Kranz ihm zeigten, der im
Vorgarten gelegen habe. Beim genauen Hinsehen merkte er, dass dies ein Kranz vom
Friedhof war. Kein Wunder also, dass nach solchen Gaunereien die
Haushälterinnen sehr schroff reagieren und Besucher abweisend
empfangen. Etwas milder gestimmt sind sie erst wieder beim
Erntedankfest. Nach altem Brauch und Dank für die Ernte werden an diesem Fest
am Altar Feldfrüchte und Obst geweiht. Natürlich gehören die guten Sachen später
der Kirche, und am Mienenspiel der Ursels kann man erkennen, ob der Altar nicht
nur mit Mais und Rüben geschmückt wurde. Sind auch edlere Sachen, wie Eier,
Honig und Rauchfleisch darunter, dann grüßen sie beim Kirchgang besonders
freundlich.
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