Peter GruppGedichteKurzgeschichtenDie FaschingspredigtDie gastlichen PfarrhäuserDie ErbtanteUnser DorfEin Traum wird wahrDer BlutspenderFreddieEine Reise nach KuwaitEine Reise in die TürkeiBöse MächteSpuk in den BergenHolzleute SchalungGästebuchKontaktImpressum

Die gastlichen Pfarrhäuser

Wo könnten diese Pfarrhäuser anders anzutreffen sein als auf der Schwäbischen Alb. In dem rauen Teil der Alb, wo die Menschen naturverbunden sind und in sich gekehrt, wo noch Schäfer mit ihren Herden über Wacholderheiden ziehen. Wenn ich über jene Pfarrhäuser schreibe, dann nicht aus übertriebener Ehrfurcht, sondern so natürlich wie ich sie häufig angetroffen habe. Mal mit Nebel überschattet, mal mit Sonne überstrahlt aber überwiegend herzlich, wenn auch etwas zurückhaltend. Schon rein äußerlich kann man an den Häusern erkennen, ob es sich um katholische oder evangelische Pfarreien handelt. Die evangelischen Häuser sind voller Leben und Kinderlachen und oft für die Familie zu klein, weil häufig der Pastor von einem oder beiden Elternteilen begleitet wird.
Im katholischen Haus ist es mäuschenstill und die Haushälterinnen gehen auf Zehenspitzen, um den geistlichen Herrn ja nicht bei der Arbeit zu stören. Oft wohnt der Pfarrer alleine mit seiner Cousine, Schwester oder Tante im Haus, die ihm den Haushalt führt, ledig und meistens sehr resolut ist.
Eines haben die Pfarrhaushälterinnen alle gemeinsam, sie sind tugendsam und fleißig und es käme einem Wunder gleich, wenn etwas ohne ihr Wissen in der Pfarrei passieren würde.
Ihre Arbeitstage sind sehr lange, denn zu ihren Aufgaben gehören neben der Haushaltsführung die Gartenarbeit, die Hühnerhaltung und der tägliche Kirchgang. Auch in der Kirche sind sie tätig, nämlich beim Anstimmen von Liedern und Gebeten.
In den ersten Jahren ihrer Dienstzeit üben sie Zurückhaltung und sind sehr zuvorkommend. Wenn sie vom Haushalt sprechen, dann von Pfarrers Hühnern und vom hochwürdigen Garten. Aber schon nach sehr kurzer Zeit sprechen Sie von unseren Hühnern und etwas später nur noch von ihrem Garten und ihren Hühnern.
Am Anfang ihrer Arbeit klopfen sie am Morgen leise an die Schlafzimmertür und rufen freundlich: »Guten Morgen Herr Pfarrer, es ist sechs Uhr und es wird Zeit für Sie aufzustehen. « Nach einiger Zeit lässt diese Förmlichkeit merklich nach und beim Klopfen rufen sie nur noch: »sechs Uhr ist es« und nach weiteren zwei Jahren wird nur noch geklopft und wenn der Herr sich dann nicht rührt ruft sie »raus«.
Welcher Konfession die beiden Pfarrhaushälterinnen angehören, erkennt man sofort an ihrer Aussprache. Die katholische Haushälterin spricht mit gespitztem Mund von der Seele und vom ewigen Leben. Die Pfarrersfrau dagegen etwas breiter von der Sääle und vom Läben. In beiden Pfarrhäusern ist aber der Pfarrer ausschließlich Seelenhirte, wenn auch die Zeit längstens vorbei ist, da ihre Befugnisse über denen des Schultheißen lagen.
Trotzdem sind sie aber immer noch etwas Besonderes und eine Respektsperson, zu der sie die Vermutung, zur direkten Verbindung zum Himmel macht. Aber auch auf der Alb ist die Zeit vorbei, wo ältere Frauen beim Altentreff dem Herrn Pfarrer voller Ehrfurcht mit halleluja zuprosten.
Der Alltag in einem katholischen Pfarrhaus verläuft still und ruhig, ist dem Studium von Schriften und Predigten vorbehalten und der Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod.
Damit die heilige Stille erhalten bleibt, sorgen die Ursels, Marieles oder wie sie sonst heißen mögen, aufmerksam und unerbittlich wie ein Zerberus.
Gleich beim Offnen der Haustür stellen sie sich breit in die Öffnung und grüßen barsch: »Was gibt's? « Erst wenn sie von der Wichtigkeit des Besuchers überzeugt sind, geben sie die Tür frei und bitten den Gast hereinzukommen.
Anders ist es in einem evangelischen Haus. Die Haustür wird einladend geöffnet und der Gast von jedem Familienmitglied in die Stube gebeten.
Im katholischen Haus wird dem Gast erst nach längerem Verbleib etwas angeboten und darum muss der Pfarrer seine Ursel erst sehr bestimmt bitten, bis sie sich bequemt, etwas aus der Küche zu holen. Bei meinem Besuch musste die Ursel mehrmals aufgefordert wer den, den frisch gebackenen Apfelkrapfen zu holen. Widerwillig stellte sie zuerst ein Krüglein Most auf den Tisch, und mit den Gläsern brachte sie auch einen großen Glaskrug Wasser. Sie konnte es dabei nicht unterlassen darauf hinzuweisen, dass der Most alleine viel zu stark sei. Den herrlich duftenden Krapfen durfte ich nur sehen, denn sie trug ihn gleich wieder weg mit den Worten, dass er noch viel zu frisch zum Anschneiden sei.
Allgemein ist bekannt, dass der Appetit in Pfarrhäusern besonders groß ist, und auch ich hätte gerne den goldgelben Gugelhupf gekostet, wenn die Ursel ein Messer dazu gebracht hätte. Erst als ich gehen wollte hörte sie auf des Pfarrers Ruf und brachte anstelle des Messers meinen Mantel.
Seither habe ich bei Pfarrbesuchen immer mein Taschenmesser dabei und habe schon manchen guten Kuchen - gegen den Willen der Köchin - angeschnitten. In den evangelischen Pfarrhäusern wird bürgerlich gekocht und gebacken und jeder Gast ist gerne an der kinderreichen Tafel willkommen.
Wie wertvoll die Prüfung auf Gastfreundschaft durch die Haushälterinnen ist, zeigt nachfolgende Begebenheit:
Sie war einige Tage verreist und dadurch musste der Pfarrer die Tür selbst öffnen.
Groß war seine Überraschung als ein fremder ihn mit einem Kranz in der Hand freundlich grüßte und gleich in die Halle drängte. Zuerst dachte der Pfarrer erschreckt, er hätte eine Beerdigung vergessen, und er atmete befreit auf, als der Besucher sein Anliegen vorbrachte. Der Bauer Häfele sei er, aus Weiler und auf dem Wege zur Beerdigung seines Bruders ins Unterland. Erst auf dem Wege zur Bahn habe er viel zu spät bemerkt, dass er kein Geld eingesteckt habe. Wenn er nun zurückgeht verpasst er den Zug und ohne Geld bekommt er keine Fahrkarte. Sofort morgen nach seiner Rückkehr würde er das Geld vorbeibringen und schließlich sei er in Weiler kirchlich bekannt.
Persönlich kannte der Pfarrer den Bauern Häfele nicht aber vom Talhofer aus Weiler hatte er schon gehört, und Zweifel hegte er keine. Also gab er ihm die dreihundert Mark. Zweifel kamen ihm erst, als Kinder klingelten und den Kranz ihm zeigten, der im Vorgarten gelegen habe. Beim genauen Hinsehen merkte er, dass dies ein Kranz vom Friedhof war.
Kein Wunder also, dass nach solchen Gaunereien die Haushälterinnen sehr schroff reagieren und Besucher abweisend empfangen.
Etwas milder gestimmt sind sie erst wieder beim Erntedankfest.
Nach altem Brauch und Dank für die Ernte werden an diesem Fest am Altar Feldfrüchte und Obst geweiht. Natürlich gehören die guten Sachen später der Kirche, und am Mienenspiel der Ursels kann man erkennen, ob der Altar nicht nur mit Mais und Rüben geschmückt wurde. Sind auch edlere Sachen, wie Eier, Honig und Rauchfleisch darunter, dann grüßen sie beim Kirchgang besonders freundlich.


 
© 2010 Peter Grupp |