Eine Reise in die Türkei
An diesem Sommerabend konnte ich erkennen, wie wahr der Ausspruch ist,
wenn es heißt, die Türken haben uns immer mehr Vertrauen und Achtung
entgegengebracht, wie wir ihnen. Ich saß in Ankara, in einem sehr, sehr alten
Innenhof von einem Haus und ließ die Umgebung auf mich einwirken, während sich
die Zuckerstücke im heißen Türk Cayi (Tee) langsam auflösten. Ein Dichter
würde dazu sagen, ich ließe die Seele baumeln. Ich, der ich in den Augen der
Einheimischen ein wohlhabender Effendi war, den wichtige Geschäfte hier Land
aufhielten. Die Türkei ist noch immer ein herrliches Land, wird aber
politisch immer rätselhafter. Es möchte zu Europa gehören und verlässt doch
immer mehr die Reformen von Atatürk und kehrt zu den alten orientalisch,
islamischen Wurzeln zurück. An diesem Abend hatten sich, wie immer in der
Türkei, nur die Männer im Gasthof versammelt, um angeregt beim Cayi oder Raki zu
debattieren. Die Frauen waren stumme Zuhörer, allerdings verdeckt und etwas
scheu sahen sie aus den umliegenden Fenstern dem Männertreiben zu. Ich wurde als
Fremder sehr zuvorkommend bedient und von vielen Neuankommenden freundlich
gegrüßt, denn es war keine Touristensaison. Es war ein ewiges Kommen und Gehen
und ein Gewusel wie im Bienenstock. Was ich in südlichen Ländern immer
besonders genieße, so auch hier, ist die Vielfalt der Vorspeisen und Salate, die
selbst ein einfaches Restaurant anzubieten hat. Es wird oft fälschlich
angenommen, dass die türkischen Speisen sehr scharf gewürzt sind, was nicht
stimmt. Es wird allerdings bei ihrer Zubereitung mit dem Olivenöl nicht gespart
aber auch Zwiebeln und Knoblauch kommen nicht zu kurz. Am Beginn einer jeden
Reise, so auch dieses Mal, schwelge ich immer in diesen Vorspeisen um sie dann
vor der Rückreise rechtzeitig zu meiden. Aus Rücksicht auf meine Familie,
Geschäftsfreunde und Umgebung. Dieses Mal war ich wegen einem Hotelneubau
hier und wollte heute eine neue Vorspeise versuchen. Auberginen "Imam
Bayildi" sollten es dieses Mal sein und sie können schon die spätere Wirkung
ahnen, wenn man weiß, dass Imam Bayildi soviel heißt wie der Imam ist in
Ohnmacht gefallen. Warum gerade der Imam in Ohnmacht gefallen sein soll ist
mir rätselhaft, denn er steht doch bei den Predigten hoch über den
Gläubigen. Herrlich mundeten die gefüllten Auberginen, die gekocht aber kalt
serviert werden. Mit einem kühlen Bier, dem guten Effes, konnte ich den starken
Knoblauchduft etwas dämpfen, warum aber über mir abrupt ein Fenster zugeknallt
wurde, weiß ich nicht. Wie heißt es doch: Es schimpft die Zwiebel den
Knoblauch: Du bist klein und scharf und riechst penetrant während ich nur etwas
geschärft bin und die Zunge verwöhne. Es schimpfte der Knoblauch die Zwiebel:
Du bist dick und plump und zum Weinen während dein Geruch verfliegt, würze ich
die Luft für Tage. Da die Türken bei jeder Gelegenheit gerne Fleisch essen,
durfte anschließend ein Sis Kebab freilich nicht fehlen. Lecker war der Spieß
mit Hammelfleisch, Tomaten und Zwiebeln garniert und auf dem Rost
gegrillt. Ein Wohnungsumzug war die Ursache für einen kleinen Platzwechsel.
Im Innenhof, hoch über mir, im dritten Stock, wollte heute am Sonntagabend, noch
ein neuer Mieter einziehen. Seine Habseligkeiten waren nicht von Bedeutung
und passten allesamt auf einen Handkarren. Der Einzug ging sehr schnell
vonstatten indem die wenigen Möbel außen von Fenster zu Fenster gereicht
wurden. Erst folgte das Bett danach eine Truhe, ein Tischchen und mehrere
Sitzkissen, zwei Teppiche, ein Kohlenbecken und mehrere Schachteln mit
Geschirr. Diese Umzugsart hat den Vorteil, dass sämtliche Hausbewohner daran
beteiligt sind und gleich den Wert der Einrichtung ihres neuen Mieters kennen
lernen. »Zum Sis Kebab darf der Rotwein nicht fehlen« meinte ein freundlicher
Türke und lud mich zu einem Glas Doluca ein, um Erinnerungen an Daimler und
Sindelfingen aufzufrischen. Natürlich habe ich mich mit Raki auch spendabel
gezeigt und wollte mit ihm auf die Türkei anstoßen. Ich war wie immer
überrascht, wie viele von den Gästen sich auch noch angesprochen fühlten. Aber
so ist der Orientale, wenn es etwas zu feiern gibt sind alle Anwesenden
plötzlich eine einzige Großfamilie. Meine Rakirunde wurde immer größer und
dabei kam es manchem gar nicht so darauf an, dass er Stuttgart mit Turin
verwechselte und aus einem Mercedes ein Fiat wurde. In dieser lustigen Runde
wurden zwei weitere Gäste mit Hallo begrüßt, die meine ganze Aufmerksamkeit
beanspruchten, denn sie trugen einen Sarg mit sich. Erkennen konnte ich auf
Anhieb nicht, ob der Sarg leer war, aber von einer schmerzhaften Trauer war
wenig zu spüren, denn sie setzten sich munter debattierend auf den Sarg und
ließen sich ebenfalls meinen Raki schmecken. Ich gönnte es den beiden Trägern
gerne, als ich erfuhr, dass sie noch durch die halbe Stadt laufen mussten.
Daheim wurden sie von den trauernden Angehörigen erwartet, denn der Opa sollte
seine letzte Ruhe finden. Auch ich wollte mich zur Ruhe begeben, denn der
Raki zeigte auch bei mir seine Wirkung und ich freute mich schon auf ein
erfrischendes Bad im Hotel. An diese Sprudeldusche denke ich noch gerne
zurück, denn beim Haare waschen, den Kopf voller Schaum, versiegte plötzlich das
Wasser. Nachdem sich auf mein Klingelzeichen niemand sehen ließ, war ich
gezwungen, mit einem Handtuch umgürtet und eines auf dem Kopf als Turban, die
Rezeption aufzusuchen. In meiner originellen Aufmachung wurde ich von einer
angekommenen japanischen Reisegruppe bestaunt und fleißig fotografiert. Was mich
wiederum veranlasste, tief verneigend »salem aleikum« zu grüßen. Die drei
Sprudelflaschen im Arm wiesen mich sicher als gläubigen Anhänger Mohammeds
aus.
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