Peter GruppGedichteKurzgeschichtenDie FaschingspredigtDie gastlichen PfarrhäuserDie ErbtanteUnser DorfEin Traum wird wahrDer BlutspenderFreddieEine Reise nach KuwaitEine Reise in die TürkeiBöse MächteSpuk in den BergenHolzleute SchalungGästebuchKontaktImpressum

Eine Reise in die Türkei

An diesem Sommerabend konnte ich erkennen, wie wahr der Ausspruch ist, wenn es heißt, die Türken haben uns immer mehr Vertrauen und Achtung entgegengebracht, wie wir ihnen.
Ich saß in Ankara, in einem sehr, sehr alten Innenhof von einem Haus und ließ die Umgebung auf mich einwirken, während sich die Zuckerstücke im heißen Türk Cayi (Tee) langsam auflösten.
Ein Dichter würde dazu sagen, ich ließe die Seele baumeln. Ich, der ich in den Augen der Einheimischen ein wohlhabender Effendi war, den wichtige Geschäfte hier Land aufhielten.
Die Türkei ist noch immer ein herrliches Land, wird aber politisch immer rätselhafter. Es möchte zu Europa gehören und verlässt doch immer mehr die Reformen von Atatürk und kehrt zu den alten orientalisch, islamischen Wurzeln zurück.
An diesem Abend hatten sich, wie immer in der Türkei, nur die Männer im Gasthof versammelt, um angeregt beim Cayi oder Raki zu debattieren. Die Frauen waren stumme Zuhörer, allerdings verdeckt und etwas scheu sahen sie aus den umliegenden Fenstern dem Männertreiben zu. Ich wurde als Fremder sehr zuvorkommend bedient und von vielen Neuankommenden freundlich gegrüßt, denn es war keine Touristensaison. Es war ein ewiges Kommen und Gehen und ein Gewusel wie im Bienenstock.
Was ich in südlichen Ländern immer besonders genieße, so auch hier, ist die Vielfalt der Vorspeisen und Salate, die selbst ein einfaches Restaurant anzubieten hat.
Es wird oft fälschlich angenommen, dass die türkischen Speisen sehr scharf gewürzt sind, was nicht stimmt. Es wird allerdings bei ihrer Zubereitung mit dem Olivenöl nicht gespart aber auch Zwiebeln und Knoblauch kommen nicht zu kurz.
Am Beginn einer jeden Reise, so auch dieses Mal, schwelge ich immer in diesen Vorspeisen um sie dann vor der Rückreise rechtzeitig zu meiden. Aus Rücksicht auf meine Familie, Geschäftsfreunde und Umgebung.
Dieses Mal war ich wegen einem Hotelneubau hier und wollte heute eine neue Vorspeise versuchen.
Auberginen "Imam Bayildi" sollten es dieses Mal sein und sie können schon die spätere Wirkung ahnen, wenn man weiß, dass Imam Bayildi soviel heißt wie der Imam ist in Ohnmacht gefallen.
Warum gerade der Imam in Ohnmacht gefallen sein soll ist mir rätselhaft, denn er steht doch bei den Predigten hoch über den Gläubigen.
Herrlich mundeten die gefüllten Auberginen, die gekocht aber kalt serviert werden. Mit einem kühlen Bier, dem guten Effes, konnte ich den starken Knoblauchduft etwas dämpfen, warum aber über mir abrupt ein Fenster zugeknallt wurde, weiß ich nicht.
Wie heißt es doch:
Es schimpft die Zwiebel den Knoblauch: Du bist klein und scharf und riechst penetrant während ich nur etwas geschärft bin und die Zunge verwöhne.
Es schimpfte der Knoblauch die Zwiebel: Du bist dick und plump und zum Weinen während dein Geruch verfliegt, würze ich die Luft für Tage.
Da die Türken bei jeder Gelegenheit gerne Fleisch essen, durfte anschließend ein Sis Kebab freilich nicht fehlen. Lecker war der Spieß mit Hammelfleisch, Tomaten und Zwiebeln garniert und auf dem Rost gegrillt.
Ein Wohnungsumzug war die Ursache für einen kleinen Platzwechsel. Im Innenhof, hoch über mir, im dritten Stock, wollte heute am Sonntagabend, noch ein neuer Mieter einziehen.
Seine Habseligkeiten waren nicht von Bedeutung und passten allesamt auf einen Handkarren. Der Einzug ging sehr schnell vonstatten indem die wenigen Möbel außen von Fenster zu Fenster gereicht wurden.
Erst folgte das Bett danach eine Truhe, ein Tischchen und mehrere Sitzkissen, zwei Teppiche, ein Kohlenbecken und mehrere Schachteln mit Geschirr.
Diese Umzugsart hat den Vorteil, dass sämtliche Hausbewohner daran beteiligt sind und gleich den Wert der Einrichtung ihres neuen Mieters kennen lernen.
»Zum Sis Kebab darf der Rotwein nicht fehlen« meinte ein freundlicher Türke und lud mich zu einem Glas Doluca ein, um Erinnerungen an Daimler und Sindelfingen aufzufrischen.
Natürlich habe ich mich mit Raki auch spendabel gezeigt und wollte mit ihm auf die Türkei anstoßen. Ich war wie immer überrascht, wie viele von den Gästen sich auch noch angesprochen fühlten. Aber so ist der Orientale, wenn es etwas zu feiern gibt sind alle Anwesenden plötzlich eine einzige Großfamilie.
Meine Rakirunde wurde immer größer und dabei kam es manchem gar nicht so darauf an, dass er Stuttgart mit Turin verwechselte und aus einem Mercedes ein Fiat wurde.
In dieser lustigen Runde wurden zwei weitere Gäste mit Hallo begrüßt, die meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchten, denn sie trugen einen Sarg mit sich.
Erkennen konnte ich auf Anhieb nicht, ob der Sarg leer war, aber von einer schmerzhaften Trauer war wenig zu spüren, denn sie setzten sich munter debattierend auf den Sarg und ließen sich ebenfalls meinen Raki schmecken.
Ich gönnte es den beiden Trägern gerne, als ich erfuhr, dass sie noch durch die halbe Stadt laufen mussten. Daheim wurden sie von den trauernden Angehörigen erwartet, denn der Opa sollte seine letzte Ruhe finden.
Auch ich wollte mich zur Ruhe begeben, denn der Raki zeigte auch bei mir seine Wirkung und ich freute mich schon auf ein erfrischendes Bad im Hotel.
An diese Sprudeldusche denke ich noch gerne zurück, denn beim Haare waschen, den Kopf voller Schaum, versiegte plötzlich das Wasser. Nachdem sich auf mein Klingelzeichen niemand sehen ließ, war ich gezwungen, mit einem Handtuch umgürtet und eines auf dem Kopf als Turban, die Rezeption aufzusuchen.
In meiner originellen Aufmachung wurde ich von einer angekommenen japanischen Reisegruppe bestaunt und fleißig fotografiert. Was mich wiederum veranlasste, tief verneigend »salem aleikum« zu grüßen. Die drei Sprudelflaschen im Arm wiesen mich sicher als gläubigen Anhänger Mohammeds aus.



 
© 2010 Peter Grupp |