Eine Reise nach Kuwait
Und wir zogen, treffender gesagt, wir flogen in weichen Polstern sitzend
über die endlose Wüste und es mangelte uns an nichts, denn wir wurden im
Flugzeug bestens bewirtet. Nur Alkohol gab es keinen und das war gut so, denn
die heiße trockene Luft hätte sich bei unserer Ankunft in Kuwait niemals mit
härteren Getränken vertragen. Obwohl uns das Alkoholverbot im Flugzeug
bekannt war, bestellten wir respektlos einen trockenen Wüsten-Riesling. Die
Stewardess muss aber an solche Späße schon gewöhnt sein, denn sie reichte uns
wortlos gekühltes Pepsi-Cola. Coca-Cola wird in den streng moslemischen
Ländern nicht verkauft, da die Formel zur Herstellung nicht bekannt gegeben
wurde und dadurch die aufmerksamen Wächter des Islams nicht prüfen können, ob
Alkohol oder andere verbotenen Stoffe enthalten sind. Unsere Ankunft war die
Stunde des Sonnenuntergangs, die das Klima für uns erträglich machte, so dass
wir auf der Fahrt ins Hotel etwas vom Reichtum und der Eigenart der Stadt bei
Nacht sehen konnten. Die Stadt und das kleine Land liegen am persischen Golf, am
Delta des Shat el Arabs, und das Klima ist trocken und warm. Zu dieser Zeit,
vor dem Golfkrieg, war die Stadt noch sehr friedlich und entlang ihrer
Hauptstraßen konnte man an den Häusern allerlei orientalischen Reichtum und
Schnickschnack erkennen. Als Geschäftsreisende begegnet man einem fremden
Land immer aufgeschlossen, um dadurch die Eigenart und Mentalität seiner
Bewohner besser kennen zu lernen. Vor Überraschungen ist man dabei nie
gefeit, schon gar nicht in orientalischen Ländern. Auch wenn es nur
Kleinigkeiten sind, wie falsche Buchungen oder vergessene Termine, sie kosten
immer Zeit, schaffen Unruhe und lösen sich dann Gott sei Dank oft von
selbst. Dieses Mal war es eine bedauerliche Lappalie, wie es zunächst schien,
als die Hotelreservierung nicht klappte. »Dann werden wir eben woanders
wohnen«, meinte mein Freund Simon gelassen und bat um eine telefonische
Vermittlung in ein anderes Hotel. Dies war um diese Zeit, denn es war schon
Mitternacht, aber gar nicht einfach, denn der Emir hatte die wenigen Hotels, wie
wir später hörten, für eine Ölkonferenz belegt. Oder war es ein
Sippentreffen? »Um jetzt fängt Ihr Ärger an« schaltete ich mich wütend ins
Gespräch und beugte mich drohend über den Tresen zu dem Angestellten an der
Rezeption. »Wir sind für Ihr Land wichtige Geschäftsleute« schrie ich ihn grob
an, »für Ihr Land fast unbezahlbar« rief Simon, allerdings stark übertrieben,
dazwischen. Wir mussten laut und gestenreich sein und übertrieben, denn das
gehört im Orient dazu, und wir wollten damit den Geschäftsführer
herbeilocken. Tatsächlich kam auch Hakennase, wie Simon ihn heimlich nannte,
mit stechenden Augen herbei und entschuldigte sich gestenreich. Was uns aber
wenig weiterhalf. »Mein Freund« wandte ich mich versöhnlich an den Geier, »du
musst uns eine Unterkunft vermitteln, denn du hast unsere Buchung telegraphisch
angenommen. « Es gab noch ein langes Palaver bis er uns endlich sagte, er
könne uns eine kleine Wohnung weit draußen am Stadtrand vermieten. Mit einem
Taxi fuhren wir in die triste Gegend, wo nicht die wohlhabenden Kuwaiter
wohnten, wie wir am nächsten Morgen bemerkten. Hier roch es nicht nach Reichtum,
sondern nach Armut und Müll. Hier sah alles krank aus sogar der schmutzige Staub
und Straßendreck, der durch die engen Gassen gewirbelt wurde. In dieser
Gegend wohnten die vielen armen Ausländer, die Kulis aus Indien und
Pakistan. Hier spielten die Kinder mit Abfallkisten und balgten sich mit
mageren Hunden. Unsere neue Behausung war der Umgebung angepasst, spartanisch
und kahl waren die Zimmer und das Mobiliar bestand aus einfachen Teppichen und
Sitzkissen. Europäisch waren nur zwei Bettgestelle und eine einfache Glühbirne,
die von der Decke lose am Draht baumelte. »Las dich ja nicht auf die Kissen
nieder« warnte mich Simon, »denn dort warten meist saugende kleine Schmarotzer.
Ich werde denen erst etwas einheizen« ergänzte ich noch und flammte mit dem
Feuerzeug an den Nähten und Säumen entlang. Das muss für unseren Hotelboy
haarsträubend gewesen sein, der uns her begleitet hatte, denn plötzlich waren
wir alleine in der Wohnung. Vermutlich hatte er aus Angst vor einem Feuer auf
sein Bakschisch verzichtet. Meine Vorsorge, durch die wir ihn vertrieben
hatten, war nicht unbegründet, denn einige Kakerlaken und Schmarotzer mussten
dabei ihr Leben lassen, und dennoch waren wir am nächsten Morgen mit Stichen und
Schwellungen reichlich gesegnet. Unausgeschlafen, mürrisch und hungrig
machten wir uns auf den Weg zur Baustelle in die City, ohne auf unsere Umgebung
näher zu achten. Dort wartete auf uns ein arbeitsreicher Tag, den wir erst am
späten Abend noch mit einem Geschäftsessen krönten. Das Essen kommt leider
bei diesen Reisen immer etwas zu kurz, vor allem wenn man nicht im Hotel wohnt,
wie wir dieses Mal. Dann kann man sich nicht einmal die Zähne putzen, denn
sauberes Trinkwasser kann man in solchen Wohnvierteln nicht erwarten. Auch wenn
man das Wasser nicht trinken will, kann man sich beim Zähne putzen sehr schnell
damit infizieren. Es war nach dem Essen gar nicht schwer ein Taxi zu finden,
denn diese gibt es massenweise in Kuwait, da viele Gastarbeiter sich noch einen
Zusatzverdienst damit verschaffen. »OK« konnte ich noch sagen und dann wusste
ich nicht mehr was ich dem Fahrer noch sagen sollte, denn ich kannte den Weg
nicht zu unserem Heim. Auch Simon konnte nicht helfen. Wohnten wir im Süden
oder im Norden? So sehr wir uns auch anstrengten, es war zwecklos, wir fanden
die Wohnung nicht mehr und die Häuser im Außenbereich sahen sich alle sehr
ähnlich. Unmut befiel mich und unser Fahrer wurde auch ungeduldig, denn er
hatte längst schon bemerkt, dass mit uns etwas nicht stimmte. Seine Fragen nach
unserem Ziel wurden immer hartnäckiger, vor allem als wir in dieselbe Gegend
zweimal fuhren. Unser Suchen war zwecklos, so sehr wir uns auch anstrengten
und deshalb fuhren wir ins Hotel zurück, um dort nach der Adresse zu fragen.
Aber oh Schreck, das Hotel war durch Soldaten hermetisch abgeschirmt und für
Unbefugte jeglicher Zutritt verboten. Auch der Versuch übers Telefon das
Hotel zu erreichen, schlug zunächst fehl, da sich niemand meldete. Endlich,
nach vielen Versuchen, bekamen wir Kontakt und eine Adresse genannt. Es war aber
nicht unsere sondern die vom Hotelboy, der an diesem Abend bei seiner Familie
war. Auf dem schnellsten Weg fuhren wir zu ihm, denn wir wollten endlich in
unser Heim. Es war schon dunkle Nacht und wie häufig an Abenden in diesen
Vierteln, war alles dunkel, denn es wurde Strom gespart. Mit dem Feuerzeug
leuchtend, suchten wir Haus um Haus ab und stiegen klopfend von Etage zu
Etage. Endlich hatten wir die Wohnung gefunden. Jegliche Bewegung erstarb bei
unserem Erscheinen und die Familie saß stocksteif beim Essen und starrte
ängstlich auf uns Eindringlinge. Mit wenigen Worten konnten wir unser
Erscheinen erklären und wurden daraufhin herzlich zum Essen eingeladen. Ohne
zu zaudern griffen wir herzhaft zu, denn es gab Kuskus, das Nationalgericht der
Araber und es war reichlich aufgetischt. Mit der rechten Hand greift man in
die Schüssel, formt den Gries zu einer Kugel und isst so mit den Händen. Das
heißt, aber nur mit der rechten Hand, denn die Linke gilt im Islam als
unrein. Zum Kuskus bekamen wir noch eine kleine Schüssel mit Hammelfleisch
und Gemüse, das sehr stark gewürzt war. Es wurde bis spät nach Mitternacht
gegessen und erst danach brachte uns der Boy in die Wohnung, wofür wir uns mit
einem reichlichen Bakschisch bedankten. Allzu gerne hätten wir nach diesem
reichlichen Mahl etwas Alkohol getrunken aber der ist in diesem moslemischen
Land tabu. Und wie Vergehen gegen das Gesetz bestraft wurden kann man noch heute
am Galgen und Richtblock erkennen, die auf dem Marktplatz stehen. Der Richtblock
dient zur Auspeitschung bei kleineren Delikten, und Dieben wird bei mehrfachen
Vergehen die rechte Hand abgehackt. Ob diese mittelalterlichen Methoden
abschreckend wirken wissen wir nicht, aber auffällig war die Unbekümmertheit auf
dem Bazar gegenüber Dieben. Denn im Bazar, diesem herrlichen Durcheinander von
Schmuck, Stoffen und Gewürzen ging man sehr sorglos mit dem Geld um. Oft lagen
die Scheine haufenweise, nur mit einem Stein beschwert, neben der Ware und jeder
flinke Dieb hätte sich bedienen können. In diesem orientalischen Supermarkt
wurden Haare geschnitten, Zähne gezogen, Schafe gestochen und der Schmuck lag
haufenweise in den Fächern. Dieser ungeheuere Reichtum des Landes wurde auch
an den Tankstellen sichtbar, denn die Zapfsäulen waren noch ohne Uhren
ausgestattet. Für einen großen Wagen zahlte man sieben und für einen Kleinwagen
fünf Mark nach unserer Währung. Natürlich ging man allzu sorglos mit dem
Benzin um. Häufig stand der Tankwart schwatzend beim Kunden und der Sprit lief
schon längst über den Tank wieder raus. Aber nur Allah bestimmt das Leben und
so ist auch die Sorglosigkeit zu erklären, mit der beim Tanken auch noch
geraucht wurde. Kuwait, du Blume des Orients möchte man als Dichter ausrufen
und überall wo Reichtum herrscht, gibt es Neider, wie wir vom Golfkrieg her
wissen.
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