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Freddie

Cornelius der Hobbygärtner machte jeden Morgen in seinem Garten Jagd auf Schnecken, die in diesem Sommer besonders häufig vorkamen und sehr gefräßig waren. Dabei hatte er das Gefühl wieder einmal nicht allein zu sein. Sein Gefühl betrog ihn auch dieses Mal nicht. Sein neugieriger Nachbar, der Walter, hatte sich am Zaun aufgestützt und grüßte verschmitzt und neugierig durch die Zweige.
»Schöner Tag heute, wie zum Faulenzen geschaffen« bemerkte er. »Zigarette?«
»Nein danke, ich rauche nicht mehr. «
»Warum denn das, was machst du denn an den langen Abenden, immer nur Fernsehen? «
»Nein« lachte Cornelius »ich schreibe Geschichten. «
»Geschichten, kann man denn damit etwas verdienen? «
»Nein, ich schreibe zum Zeitvertreib, aus Liebhaberei und um das Dorfgeschehen festzuhalten. «
»Und das hilft dir übers rauchen hinweg, du Glücklicher. Ich schaffe das nicht auch wenn der Arzt das Rauchen mir schon mehrmals verboten hat« resignierte Walter.
»Kann man denn schon etwas von dir lesen, ist schon etwas gedruckt worden? Sind
es Krimis? « ging die Fragerei weiter.
»Nein, ich schreibe einfache Heimatgeschichten aus unserem Alltag. «
»Und das will jemand lesen? « zweifelte Walter. »Lass doch mal etwas hören. «
»Also gut, du kennst doch den Freddie aus dem Unterdorf, der schwebt jetzt im siebenten Himmel und ist rundum glücklich. «
»Und über den schreibst du? Erzähl mal. «
Freddie war ein eingebildeter Hagestolz, knöchern und steif, aber immer noch wählerisch und glaubte mit 42 Jahren noch unwiderstehlich auf Frauen zu wirken.
»Der hat doch schon lange eine Glatze, hat er denn wenigstens Geld? « » Nein nur ein kleines Haus mit Garten und sonst geht er auch jeden Tag zur Arbeit wie wir. «
»Ich finde ihn ja etwas bescheuert, aber lass doch hören. «
»Nun, der Freddie war immer schon sehr wählerisch und in jungen Jahren hat er nur nach dem Geld geschaut. Er konnte nie genug davon bekommen und auf Hinweise von Bekannten, die könnte zu dir passen, meinte er immer nur, die nicht, die rechnet sich nicht.
Bis schließlich sein Bruder die Sache in die Hand nahm, der hat ihn auch schließlich unter die Haube gebracht. «
»Und wie? « frag Walter.
»In den letzten Jahren hatte Freddie seine Abneigung gegen die Ehe schon abgelegt und war auch nicht mehr jeden Abend am Stammtisch. Von seinen Stammtischbrüdern habe ich die Geschichte, sie erzählten sie mir lachend und meinten dazu, bei dem ist eine Sicherung durchgebrannt.
Weihnachten feierte er schon immer bei seinem Bruder, um in der besinnlichen Zeit Cocktailpartys zu meiden und weniger Bekannte zu treffen. Und wie immer bei solchen Festen waren Molly und Olaf dabei. »Molly heißt nicht nur so, sie lacht auch gern und zuckt dabei mit der Nase wie ein Kaninchen. Aber sonst ist sie noch ausgezeichnet im Schuss« war von der Hecke zu vernehmen.
»Und Olaf ist das genaue Gegenteil von ihr, er lacht nie und könnte sich leicht hinter ihr verstecken, so dass nicht einmal sein rotes Gesicht zu sehen wäre. «
»Aber wenn er einmal einen über den Durst getrunken hat, dann wird er zickig« war von Walter zu hören.
»Nicht immer, manchmal steuert er pfiffige Bemerkungen dazu bei, wie bei Freddie.
Die Molly ist eine ausgezeichnete Kupplerin und drehte für Freddie an Weihnachten kräftig das Ehekarussell aller Dorfschönen.
Olaf ließ die Sache zunächst kalt aber mit der Zeit wurde auch seine Stimmung lustiger und dann waren von ihm Bemerkungen zu hören wie: do isch Katz scho da Baum nauf. Oder: dui kennt se aus em Wurstkessel. Die Auswahl im Dorf war jedoch bald erschöpft und Olaf meinte sarkastisch, es seien sowieso nur noch trockene Ladenhüter zu bekommen, die schon lange keinen Herzschmerz mehr kennen.
Worauf er einen strafenden Blick erntete, der einem Schlag mit einem nassen Handtuch gleichkam.
Mollys Gedanken schweiften bald wieder aufs Neue los, dieses Mal auf die abseits liegenden Höfe.
Manchmal war von Olaf ein »nimm« zu hören oder er murmelte »wäre zu überlegen«.
Plötzlich sprang Molly auf, als hätte eine Reißzwecke ihre Sitzfläche durchbohrt und rief: »Ich hab die Richtige für Freddie, die Maija vom Ixhof«.
Zu diesem Vorschlag pfiff sogar Olaf anerkennend und meinte »Schätzchen, dös war a gmähts Wiesle.
Ich schlage vor, wir gehen hin und lassen uns unterwegs etwas einfallen, wie wir die beiden miteinander bekannt machen. «
»Fehlt Dir was« meinte Molly säuerlich »und wenn dann die Jungbäuerin an der Tür ist? «
»Das wäre eine schöne Bescherung, singa ka se net aber wüest pfeife« tönte Olaf und hustete laut, weil er sich beim Trinken am Bier verschluckt hatte.
»Wie wär's beim sonntäglichen Kirchgang« vernahm man erstmals Freddie, der bisher zu allem geschwiegen hatte.
Obwohl der Vorschlag allgemein Zustimmung erhielt, war von Olaf zu hören: »Schätze nie a Wies em Tau und beim Kirchgang eine Frau. « Olaf hatte mit der Zeit etwas viel getrunken und stieß schon leicht mit der Zunge an. Wofür er immer öfters strafende Blicke von Molly erntete.
Mit den Worten »auf an die frische Luft« riss sie uns alle aus unseren Überlegungen.
»Auf, wir wandern gemeinsam zum Ixhof und sollte uns zufällig jemand begegnen, dann spazieren wir etwas im frischen Schnee. «
Mit dem Neuschnee hatte Molly ihre Tücken und machte mehrmals mit ihm Bekanntschaft. Worauf Olaf ihr jeweils lachend aufhalf und meinte: »Schätzchen du bis umwerfend und wenn's der Goiss zwohl wird, no scharret se« fügte er noch leise hinzu.
Der Hof wurde endlich doch erreicht und der Bauer zeigte ihnen bereitwillig einen frischen Wurf junger Ferkel.
Molly wechselte gefühlvoll das Thema und meinte: »Hübsch ist dein Hof und so sauber und wo ist eigentlich meine Schulfreundin Maija? «
Etwas enttäuscht verabschiedete man sich noch im Hof, denn Maija war zu Besuch bei ihrer Tante.
Der Marsch war trotzdem unvergleichlich schön gewesen und hatte alle erholsam erfrischt.
»Einen Freudentanz werde ich aufführen« war von Olaf zu hören, »wenn Freddie einmal zum Ixhof gehört und wir dort öfters einkehren können. «
»Zuerst müssen wir aber eine neue Begegnung planen und etwas vernünftiger handeln« ergänzte Molly.
Unausweichlich muss Freddie die Maija kennen lernen und dabei viel Zeit zum Plaudern haben. «
»Ich habe einen prima Plan« schaltete sich Freddies Bruder ein. »Wir ziehen mit den Skiern zum Ixhof und bei dem Lauf wird sich Freddie ganz zufällig den Fuß verstauchen und wir tragen den Verletzten dann zum Hof.
Und wenn die Bleibe gefällt« zwinkerte Olaf, »holen wir dich nicht so schnell wieder zurück. «
Am nächsten Tag lief alles wie am Schnürchen, es war sehr kalt und die leicht wirbelnden Flocken glänzten im Sonnenlicht.
Herrgott, warum knickste Freddie denn schon jetzt um und nur zögernd beugten sich Olaf und Freddies Bruder über ihn.
Aber sein Schmerz war nicht gespielt, er hatte sich tatsächlich den Fuß verstaucht und musste getragen werden.
»Na bitte, das gibt eine Schufterei« meinte Olaf und sie schnappten sich den Verletzten und liefen los. Mit verzerrten Gesichtern erreichten sie endlich den Hof und mit letzter Kraft polterten sie über die Treppe.
Molly, die nicht mit ihnen Schritt halten konnte, fuchtelte wild mit den Armen und rief ihnen noch etwas nach.
Sie aber stießen gestresst die Haustür auf und standen mitten in der Stube mit ihrer schweren Last, die sie aufs nächste Sofa fallen ließen.
Nobel sah es gerade nicht aus, sehr düster war's, denn durch die verhangenen Fenster kam nur gedämpftes Licht herein.
Auch die Düfte passten nicht zum Ixhof, sie waren süßlich wie Sirup, kamen die vielleicht von den vielen brennenden Kerzen, es roch wie im Bazar.
Und dann dieser süßliche Rauch, kam der von dem Alten, mit dem aufgewichsten Schnurrbart und dem langen Kaftan?
Alle Bewohner schauten etwas ängstlich, nur die Kleine dort nicht, die mit den großen Augen, sollte die Maija sein?
»Kurz und dick gibt au a Stück« war von Olaf zu hören, sehr leise nur und alles weitere verschluckte er. Denn Molly war wie ein Gewitter ins Zimmer gestürmt und klärte sie schnaubend auf.
»Ihr Hornochsen, ihr habt alles falsch gemacht« rief sie da, denn sie hatten den Freddie ins Ausgedinghaus getragen.
Mit einem Gesicht, als hätte er einen Katzenjammer, lag Freddie verletzt auf dem Sofa einer türkischen Familie. Ein leichtes Schaudern lief ihnen über den Rücken, als sie die Situation richtig erkannt hatten.
»Tee oder Kaffee? « sprach sie die nette Kleine in einem klaren deutsch leicht lispelnd an.
Freddie war mehr einem Raki zugeneigt, den er auch bekam, denn sein Fuß schmerzte sehr.
»O weh« meinte die Kleine »das sieht gar nicht gut aus. Sie sollten einen Arzt aufsuchen, aber zunächst bleiben sie ganz ruhig hier liegen. «
»Es tut mir leid, dass ich ihnen solche Mühe mache« erwiderte er und schaute ihr dabei tief in die Augen als sie sich über ihn beugte. «
»Und wie ging es dann weiter? « wollte Walter noch schnell wissen, denn es sah nach einem Gewitter aus und vom bleiernen Himmel vernahm man schon ein leichtes Grollen.
»Ich kann's kurz machen« meinte Cornelius. »Es gab später doch noch ein Happy End und Freddie ist heute mit Leila sehr glücklich. «
Sein Lachen ging in den ersten Regentropfen unter und Walter verschwand hinterm Zaun.




 
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